Verein zur Förderung der angewandten Gerontologie e.V. (VFG)

Tagesstrukturierende Angebote für demenziell Erkrankte in stationären Einrichtungen Bulgariens

Das im Programmteil  Qualifizierende Pflegepartnerschaften der Robert-Bosch-Stiftung angesiedelte Projekt (Kooperationspartner AWO Hessen-Nord, Dr. Radka Arnold) widmet sich dem Umgang mit dementiell Erkrankten, deren Zahl infolge des Alterns der Gesellschaft überall in Europa wächst. Anschließend an Hilfslieferungen nach Bulgarien und einer ersten Qualifizierung für ein ganzheitliches Pflegeverständnis durch die Arbeiterwohlfahrt Hessen-Nord stellt das Projekt der Universität Kassel eine Vertiefungsqualifikation dar, denn bisher liegen für den Bereich der Demenz in Bulgarien kaum Kenntnisse und Erfahrungen vor.

Das Projekt unterteilt sich in zwei Phasen, in denen ausgewählte Mitarbeiterinnen aus Altenheimen im Hohen Balkan (Gemeinden Kazanlak und Stara Zagora) zunächst bei der AWO Hessen-Nord eine Ausbildung zum Umgang mit dementiell Erkrankten bei Mitarbeitern in der stationären Pflege erhielten. In der von der Universität Kassel angeleiteten Umsetzung der erworbenen Kenntnisse mit Hilfe des Cardiff Lifestyle Improvement Profile for People in Extended Residential Care (Clipper) wurden die Aktivitäten ausführlich dokumentiert und evaluiert. Dabei ist die Erprobung so angelegt, dass das für Bulgarien innovative Projekt multiplikatorisch wirken kann. Zwei Handreichungen (erschienen in der Reihe der Kasseler Gerontologischen Schriften) wurden ins Bulgarische übersetzt bzw. dafür eigens verfasst. Die Instrumentarien und Ergebnisse wurden zum Projektende auf einer vom bulgarischen Sozialministerium unterstützten nationalen Konferenz der Fachöffentlichkeit präsentiert.

Die ökonomischen Verhältnisse in Bulgarien und die aufreibende Existenzsicherung, die zum Ausüben mehrerer paralleler Tätigkeiten zwingt, verhindern häufig ein größeres Engagement und das Entfalten vernetzender Aktivitäten. Qualifizierung wird unter diesen Bedingungen oft als persönlicher Vorteil gesehen, den man gern für sich nutzt und nicht unbedingt weiter gibt. Obwohl solche Tendenzen auch im Projektverlauf vereinzelt auftraten, zeigt sich die Wirkung der vielen Workshops und Beratungen darin, dass die neuen Erkenntnisse unter dem Personal in den Heimen über die Projektteilnehmer hinaus ausgetauscht wurden und werden. Vereinzelt gibt es Anstrengungen, weitere Fortbildungen für Pflegekräfte, auch für das ungelernte Personal, die vom Sozialministerium oder von Ausbildungsinstitutionen wie dem Medizinischen Kolleg angeboten werden, wahrzunehmen. Das ungelöste Problem dabei ist die Finanzierung, die im Budget der Heime nicht vorgesehen ist.

Leiterinnen und Mitarbeiterinnen der beteiligten Altenheime betonen als Folge des deutsch-bulgarischen Projektes die großen Veränderungen im Umgang mit den Bewohner/innen: Die früher krankenhausähnliche Atmosphäre in den Altenheimen und die auf medizinische Versorgung reduzierte Betreuung haben sich gewandelt, es gibt mehr Farbe, mehr Leben, dadurch weniger Konflikte und Aggressionen unter den Bewohner/innen. Die Mitarbeiter/innen sind motivierter und zeigen mehr Freude an der Arbeit. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die mit der Clipper-Methode eingeführte Teamarbeit.

Durch die Biografie-Arbeit erfahren die Mitarbeiter/innen mehr über das Leben der Heimbewohner/innen, aber auch über ihre Wünsche und Fähigkeiten. Der Einsatz der Clipper-Methode verbessert die Lebenskraft der Demenzkranken, regt die Denktätigkeit an, es gelingt besser, ihre Welt zu betreten und mit ihnen zu kommunizieren. Das Verständnis von Pflege wandelt sich langsam in Richtung ganzheitlicher Pflege. Auch die öffentliche Wahrnehmung der Altenheime beginnt sich zu wandeln.

Der Nutzen des Projekts liegt nach Auffassung einer externen unabhängigen Evaluation darin, dass das Projekt sich nicht auf einen Wissenstransfer beschränkte. Indem die erworbenen Kompetenzen in der Praxis erprobt und wirksam wurden, können bei kontinuierlichem Einsatz die Veränderungen in der Pflege und die Anwendung neuer Methoden nachhaltig bleiben. Die Wirkungen sind sowohl bei den alten Menschen als auch beim Pflegepersonal unmittelbar zu spüren.

Der Erkenntnisgewinn für das Fachgebiet  Soziale Arbeit mit älteren Menschen an der Universität Kassel liegt durch die unmittelbaren Erfahrungen vor Ort in einem geschärften Blick für die Unterschiede in der Altenarbeit und Altenhilfe in den zwei Ländern. Nicht zuletzt wurden transkulturelle Aspekte einer kultursensiblen Altenpflege deutlich.


Drittmittelgeber: Robert Bosch Stiftung, Stuttgart http://www.bosch-stiftung.de

Projektergebnisse:

  • Karl, Fred: Demenz und Sozialpädagogik. Fassungen in deutscher, bulgarischer, portugiesischer und spanischer Sprache. Deutsch in: In: Schweppe, C. (Hrsg.): Alter und Soziale Arbeit. Hohengehren 2005, S. 131-140
  • Powell Jennie: Hilfen zur Kommunikation mit Demenz, 2006: Kasseler Gerontologische Schriften Band 42 (in bulgarischer Sprache)
  • Universität Kassel, AWO Hessen-Nord, AWO Stiftung Bulgarien, Altenheime der Stadt Kazanlak (Hrg.): Arbeit mit dementiell Erkrankten - Erfahrungen aus Deutschland und Bulgarien. Kassel / Kazanlak 2007; Kasseler Gerontologische Schriften Band 42 (in bulgarischer Sprache)

 

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